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 9. November 


Gedenken der November-Pogrome 1938 (violett) Erinnerung und Umkehr

Wer weiß, Gutes zu tun, und tut’s nicht, dem ist’s Sünde Jak 4,7


Nach der neuen Peikopenordnung von 2018 soll der 9. November künftig als alljährlicher Gedenktag begangen werden. „Seine Ordnung ist auf das Gedenken der Novemberpogrome 1938 ausgerichtet...“, erinnert also an die vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden im gesamten Deutschen Reich. Die Pogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung im nationalsozialistischen Deutschland.- Es gibt verschiedene Entwürfe zur Gestaltung dieses Tages; der folgende Vorschlag folgt stärker dem Ablauf der überkommenen Liturgie und nimmt weitere kirchliche Anregungen auf. 


Buß-Gottesdienst


Vorspiel oder Stille 


Eröffnung (Begrüßung)

Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. R: Amen.

Vor Gott, in seiner Gnade und Barmherzigkeit der Richter der Welt, gedenken wir heute der Grauen, die unser Volk über die Juden Europas gebracht hat: der Pogrome im Deutschen Reich am 9. November 1938, der unzähligen Demütigungen, die schon zuvor stattgefunden hatten, der Qualen der Ausgrenzung und der Deportationen, des himmelschreienden Elends in den Ghettos, der millionenfachen Mor-de in den Todesfabriken der Konzentrationslagern. Es fällt uns schwer, diese Verbrechen als Teil unse-rer Geschichte anzunehmen und zu begreifen, dass sie nie verjähren. Diese Wunde wird im Gedächtnis des jüdischen Volkes nie verheilen. Gott mache uns empfindsam für den bleibenden Schmerz der Über-lebenden (und ihrer Nachkommen) und ihre leicht zu entfachende Angst. Er mache uns wachsam gegen alte und neue Feindbilder. Gott lasse uns aus der Erinnerung an das Böse Kraft zum Guten erwachsen.  (a) 

oder

Als Nachgeborene kommen wir vor heute zusammen, um der Novemberpogrome von 1938 zu geden-ken. Wir spüren: die Geschichte der Judenfeindschaft hat auch mit uns heute zu tun. Wir fühlen, der Boden schwankt. Fassungslos erscheint uns, wie die Christen und Kirchen damals in das Geschehen verstrickt waren. Wir sehen den Widerspruch zwischen der Botschaft, die uns Christen anvertraut ist, und den Verhalten, das so oft ganz anders war und ist. Wir können kaum glauben, was damals in un-serem Land geschehen ist, wir möchten schweigen, aber wir müssen reden. Wir suchen nach einem Ort für unser Gedenken. Wir wollen nicht vor den damals Leidenden davonlaufen. Wir spüren, die Gewalt von heute und gestern haben miteinander zu tun. So schmal der Grat. Wir brauchen Veränderung in Theologie, Kirche und Gottesdienst. Wir fragen nach Rat. Wir vertrauen auf Gott. (b) 

oder

Am 9. November jähren sich die Gewalttaten gegen jüdisches Leben in Deutschland, die als „Reichs-pogromnacht“ erinnert werden. (Unter einem Pogrom versteht man eine gewaltsame, auch organisierte Massenausschreitung gegen Mitglieder religiöser, nationaler, ethnischer oder andersartig definierter Minderheiten oder Gruppen einer Bevölkerung.) Die Novemberpogrome 1938 waren vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden im gesamten Deut-schen Reich. Dabei wurden vom 7. bis 13. November 1938 etwa 400 Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben. Über 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tau-sende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört. Ab dem 10. November wurden ungefähr 30.000 Juden in Konzentrationslagern inhaftiert, von denen Hunderte ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben. Die Pogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung der deut-schen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die in Deutschland und von Deutschen besetz-ten Gebiete bis zum Ende des 2. Weltkriegs dauerte und etwa sechs Millionen Menschen das Leben kostete, davon rund vier Millionen in Konzentrations- und Vernichtungslagern. 1938 soll in der evan-gelischen Kirche zu den Ereignissen mehrheitlich Schweigen, Wegschauen oder gar offene Zustimmung geherrscht haben. Deshalb ist der 9. November für die Kirche ein Tag des Erinnerns an die Lei-den der Opfer wie der eigenen Schuld, aber auch ein Tag der Besinnung auf das mutige Zeugnis derer, die damals widersprochen haben und in deren Tradition wir uns heute stellen. (c)

Lied zum Eingang: O Herr, nimm unsre Schuld – EG 236,1-4

oder O komm du Geist der Wahrheit – EG 136,1.3.4.6


Psalmgebet (gesporochen)

Leitvers: So spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich er-quicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen. Jes 57,15

oder

Leitvers: Gib deine Taube nicht den Tieren preis, das Leben deiner Elenden vergiss nicht für immer.

Ps 74,19

Psalm 74 Gott, warum verstößest du uns für immer (EG.E 70) 

statt Gloria patri:  Agios o Theos - Heiliger Herre Gott (EG 185.4)

oder

Psalm 38 -  Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn (EG 721) 

statt Gloria patri:  Agios o Theos - Heiliger Herre Gott (EG 185.4)


oder 

Anrufung

Die Ereignisse des 9. November 1938 dürfen nicht vergessen werden, sondern es muss in Erinnerung bleiben, was damals in unserem Land geschehen ist:
Ungefähr 1.200 Synagogen und Gebetshäuser wurden in der Nacht vom 9. / 10. November niedergebrannt. - 7.500 jüdische Geschäfte wurden zerstört. - Hunderte von Privatwohnungen wurden verwü-stet. - 91 Menschen wurden ermordet. Viele Menschen starben noch Tage und Wochen später an ihren schweren Verletzungen, eine unbekannte Zahl wurde noch in dieser Nacht und in den darauffolgenden Tagen in den Selbstmord getrieben. - Über 30.000 jüdische Menschen wurden noch in dieser Nacht und in den darauffolgenden Tagen verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Wir stellen uns dem, was geschehen ist; klagen und rufen:
G: Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich. Herr, erbarme dich. (EG 178.16)

Als Vorwand für die Novemberpogrome diente der NSDAP das Attentat des 17-jährigen polnischen Juden Herschel Grynszpan auf den deutschen Botschaftssekretär Ernst vom Rath in der deutschen Bot-schaft in Paris. Grynszpan wollte mit seiner Tat auf die Deportation von 17.000 polnischen Jüdinnen und Juden aus Deutschland nach Polen aufmerksam machen. Unter ihnen waren auch seine Eltern ge-wesen.  - Die Täter in der Nacht vom 9. / 10. November waren meist Angehörige von SA und SS, die vielerorts in Zivilkleidung auftraten, um wie normale Bürger zu wirken und die übrige Bevölkerung zum „Volkszorn“ wegen des Attentats in Paris aufzuhetzen. - Die meisten Bürgerinnen und Bürger rea-gierten rat- und hilflos auf die sich bahnbrechende Gewalt. Die Feuerwehr hatte die Anweisung, nur die Nachbarhäuser aber nicht die brennenden Synagogen zu löschen und hielt sich in den meisten Fällen auch daran. – Wir stellen uns dem, was geschehen ist; klagen und rufen:

G:     Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich. Herr, erbarme dich. (EG 178.16)

Die jüdischen Gemeinden mussten für das Abtragen des Schuttes selber aufkommen. - Nach dem 9. November wurde die „Arisierung“, also Zwangsenteignung, aller jüdischer Geschäfte und Betriebe an-geordnet. - Die Pogrome markierten den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Jüdinnen und Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung und Ermordung in ganz Europa. Nach heutigen Schätzungen wurden bis zum Ende des 2. Weltkrieges etwa 5,7 Millionen Menschen aus allen besetz-ten europäischen Ländern systematisch ermordet – nur weil sie jüdischer Abstammung waren. (d) - Wir stellen uns dem, was geschehen ist; klagen und rufen:

G: Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich. Herr, erbarme dich. (EG 178.16)

Tagesgebet

Beten wir in der Stille zu Gott, dem Heiligen Israels, der das Leiden seines Volkes nicht vergisst: 

- Stille -

Ewiger Gott, Richter der Welt. Nicht nur einmal mussten jüdische Menschen die Zerstörung ihrer Gotteshäuser beweinen. Nicht nur einmal hat die Gewalttätigkeit der Feinde ihr Leben zerstört und sie in Angst versetzt. Nicht nur einmal wurden unzählige von ihnen ermordet. Doch du Gott, du Heiliger Israels, vergisst das Leiden deines Volkes nicht. Du hast alle seine Tränen gesammelt und wirst seine Peiniger zur Rechenschaft ziehen. Gott, vor dir können wir die Schuld unserer Kirche nicht verbergen: die jahrhundertelange Missachtung und Verfolgung der jüdischen Gemeinschaft, das Schweigen, wo Widerstand nötig gewesen wäre. Vergib uns, gerechter Gott, um deiner Barmherzigkeit willen und stell uns deinem Volk in neuer Achtsamkeit zur Seite. (e)

oder

Ewiger Gott, du hast deinen Bund geschlossen mit dem Volk Israel für alle Zeiten. Uns rufst du an die Seite deines Volkes. Heute gedenken wir daran, dass viele unserer Vorfahren diesen Ruf nicht gehört haben. Wir erinnern uns an die Gewalt gegen Jüdinnen und Juden, an brennende Synagogen, an Pa-rolen des Hasses, am Gefangennahmen, Plünderungen und Morde. Gib uns die Kraft zu dieser Erinne-rung. Schenke uns Mut, uns der Verantwortung zu stellen, und Demut, damit wir ein neues Miteinander lern. (Das bitten wir durch Jesus, den Christus, unsern Retter und Herrn.) (f)

oder ein anderes Tagesgebet

¶ Lesung (AltesTestament): 2. Mose 1,15-22 (VI) - Die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht,

wie der König von Ägyoten ihnen gesagt hatte

Sprüche Salomo, 24,10-12 (III) – Errette, die man zum Tode schleppt


Antwortgesang: Nimm von uns Herr, du treuer Gott - EG 146,1.2

¶ Epistel: 1. Petrus 5,8.9 (II) Widersteht eurem Widersacher, dem Teufel


Antwortgesang:  Ach Herr Gott, durch die Treue dein - EG 146,3.4


¶ Evangelium: Matthäus 24,23-27 (V)  es werden falsche Christusse und falsche Propheten aufstehen

Markus 14,66-72 (I) ... und Petrus fing an zu weinen

Lukas 22,31-34 (IV) Simon, Simon, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen


Antwortgesang: Leit uns mit deiner rechten Hand - EG 146,5


¶ Ansprache / Predigt (g)


Besinnung (Musik oder Stille oder Lied)


Bekenntnis (Klagepsalm)

HERR, höre mein Gebet  

R: und lass mein Schreien zu dir kommen! (Ps 102,1)

In Stille erinnern wir vor Gott das Grauen, das unser Volk seit den Novemberpogromen 1938 über die Juden Europas gebracht hat:

- Stille – 

Verbirg dein Antlitz nicht vor mir in der Not. Denn meine Tage sind vergangen wie ein Rauch und mei-ne Gebeine sind verbrannt wie von Feuer. Täglich schmähen mich meine Feinde, und die mich verspot-ten, fluchen mit meinem Namen. Denn ich esse Asche wie Brot und mische meinen Trank mit Tränen. (Ps 102,3a.4.9.10)

Psalm 102 - ohne Doxologie – Du, Herr bleibst ewiglich (EG.E 86 / EG 740)


Fürbitten (mit Entzündung von Kerzen)
Lasst uns beten. (Nach jeder Bitte entzünden wir eine Kerze als Zeichen der Bitte um den Heiligen Geist, der uns mit seinem Licht im Alltag leiten möge.)
Lebendiger Gott, du hältst deinem Volk Israel bis heute die Treue. Durch Jesus Christus sind wir mit deinem Volk verbunden. Durch Jesus haben wir Anteil an deinen Verheißungen. Hilf, dass wir uns gegenseitig wahrnehmen und annehmen können als deine wertvollen Geschöpfe und geliebten Kinder. Wir rufen zu dir:
G: Herr, gib uns deinen Frieden … (gesungen, EG 436) - 1. Kerze wird entzündet
Lebendiger Gott, mit Erschütterung haben wir das Leid vor dir ausgesprochen, das durch unsere Vor-fahren in den Jahren der Nazi-Zeit über jüdische Männer, Frauen und Kinder gebracht wurde. Wir bitten dich für sie und auch für ihre Kinder und Kindeskinder, die bis heute an den Bildern des Schre-ckens und des Todes leiden, die Schmerz und Angst immer wieder neu überfällt. Wir rufen zu dir: 

G: Herr, gib uns deinen Frieden … (gesungen, EG 436) - 2. Kerze wird entzündet
Lebendiger Gott, bis heute werden Menschen ausgegrenzt, werden verachtet, weil sie anders sind, anders denken, anders glauben. Lass uns mutig an der Seite derer stehen, die unsere Solidarität brauchen. Wir rufen zu dir:
G: Herr, gib uns deinen Frieden … (gesungen, EG 436) - 3. Kerze wird entzündet
Lebendiger Gott, schenke den Menschen in Israel und in Palästina einen dauerhaften Frieden, der allen Menschen ein Leben in Würde und Sicherheit ermöglicht, seien sie Juden, Muslime oder Christen. Für alle Regionen dieser Erde, in denen Konflikte und Kriege toben bitten wir dich: Setze den Verhärtungen und dem Hass unter den Menschen ein Ende. Wir rufen zu dir:
G: Herr, gib uns deinen Frieden … (gesungen, EG 436) - 4. Kerze wird entzündet
Lebendiger Gott, lass uns mit den jüdischen Brüdern und Schwestern und allen Menschen guten Wil-lens nach unserer gemeinsamen Verantwortung in dieser Welt fragen. Gib uns den Mut und die Tatkraft, uns einzusetzen für die Bewahrung der Erde und die Stärkung des Friedens. Wir rufen zu dir:
G: Herr, gib uns deinen Frieden … (gesungen, EG 436) - 5. Kerze wird entzündet
Das erbitten wir von dir, Gott, dem Vater, unserer Lebensquelle, im Vertrauen auf Jesus Christus, unse-rer Hoffnung und durch sein Wirken im Heiligen Geist, unserer Kraft: (h)

oder

Wir wollen uns dem Gedenken stellen und das  Erschrecken aushalten vor den Möglichkeiten schuldig zu werden, damals wie heute, aus Gedankenlosigkeit, aus Egoismus, aus Angst. Das ist uns nicht fremd – wir rufen zu Gott:

R: Herr, erbarme dich.

Wir wollen uns dem Gedenken stellen und die Leiden der Opfer sehen. Wir trauern um die, die sterben mussten. Wir nehmen wahr, dass viele noch leben, die noch immer gezeichnet sind von dem Folgen der Grausamkeiten, die sie erleiden mussten – wir rufen zu Gott:
R: Herr, erbarme dich.

Wir wollen uns dem Gedenken stellen und danach fragen, wie es fruchtbar werden kann, indem wir neue Wegen der Begegnung und des Verstehens suchen – wir rufen zu Gott:
R: Herr, erbarme dich.

Waren wir auch selbst nicht beteiligt an den Pogromen im November 1938, so liegen die Folgen des-sen, was unsere Mütter und Vater getan oder nicht getan haben, als Last auf uns. Gott gebe uns Klar-heit, Mut und Einsicht, mit dieser uns auferlegten Verantwortung umzugehen. – Wir rufen zu Gott:

R: Herr, erbarme dich.

Gott bewahre uns vor der Versuchung, die Last abzuschütteln. Er halte die Erinnerung unter uns wach und wehre dem Vergessen. Er mache uns Mut, die Last der Verantwortung auf uns zu nehmen und be-gleite uns auf diesem Weg. – Wir rufen zu Gott: 

R: Herr, erbarme dich.

Gott halte seine Hand schützend über sein Volk Israel. Er bewahre die jüdischen Gemeinden in aller Welt vor Anfeindungen und Gefahren. Er schenke Israel Frieden mit seinen Nachbarn. – Wir rufen zu Gott:

R: Herr, erbarme dich.

Gott schenke uns die Bereitschaft, gegenüber unseren jüdischen Schwestern und Brüdern unsere Ver-antwortung zu erkennen und wahrzunehmen. Er bewahre uns vor Überheblichkeit. Er gebe uns die Kraft, immer wieder auszusprechen, dass Gott sein Volk Israel nicht verstoßen hat. Er gebe uns den Mut, offen zu bekennen, dass die Juden keine Gottesmörder sind. Er schenke uns die Kraft, überall zu bezeugen, er, der Gott des Alten und des Neuen Testaments, der eine Gott des Himmel und der Erde ist. – Wir rufen zu Gott:

R: Herr, erbarme dich.

Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Abraham und seinen Kindern deine Verheißung gegeben, erhöre unser Gebet für das Volk, das du dir als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast, und lass deinen Segen auf deine Menschen in allen Völkern dieser Welt kommen, durch Jesus Christus, deinen Sohn, unsern Retter und Herrn.  (i)      

oder (ggf. in Auswahl)
Gott, wir denken vor dir an die über sechs Millionen Juden und Jüdinnen aus ganz Europa, die in der Shoah deportiert und ermordet wurden. All ihre Namen. All ihre Geschichten. Du kennst sie, Gott – Kurze Stille ( evtl. Entzünden einer Kerze)
Gott, wir denken vor dir besonders an die über 1,5 Millionen Kinder, die in der Shoah ermordet wurd-en. Ihr Lachen ist für immer verklungen, Ihre Träume sind für immer ausgelöscht. Wir wissen: Du liebst besonders die Kinder, Gott. -
Kurze Stille ( evtl. Entzünden einer Kerze)
Gott, wir denken vor dir an die Christen und Christinnen jüdischer Herkunft, die hier in unseren Kir-chenbänken saßen und genauso verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Wie sehr haben sie sich gewünscht, dass in der evangelischen Kirche jemand für sie den Mund aufmacht. Du weißt um sie, Gott -
Kurze Stille ( evtl. Entzünden einer Kerze)
Gott, so bringen wir auch uns selbst vor dich. Uns, die wir durch unsere Familiengeschichten auf so unterschiedliche Weise hinein verwoben sind in Nationalsozialismus und Shoah. Gott, stärke uns im Erinnern. Im Aushalten der dunklen Geschichten. Stärke uns darin, zu lernen und neu auf die Juden und Jüdinnen zuzugehen.  Du kennst uns, Gott -
Kurze Stille ( evtl. Entzünden einer Kerze)
Gott, wir bringen vor dich uns selbst als evangelische Kirche. Viele haben weggeschaut. Viele haben geschwiegen. Viele waren beteiligt, als Juden und Jüdinnen verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Gott, stärke uns, diese Schuldgeschichte auszuhalten. Segne du die Neuanfänge in den Begegnungen von Jüdischen und christlichen Menschen. Du kannst uns leiten – Gott -
Kurze Stille ( evtl. Entzünden einer Kerze)
Gott, antijudaistische und antisemitische Vorurteile – sie sind noch immer und wieder neu da. Wir den-ken vor dir an Juden und Jüdinnen, die heute bedroht und angegriffen werden. Wir denken vor dir an andere Opfer radikaler Gewalt. Fassungslos und bestürzt sehen wir, dass Menschen aus antisemiti-schen und rassistischen Motiven ermordet werden. So, wie in den letzten Jahren bei den Anschlägen auf Synagogen. Wir legen dir dies alles ans Herz., Gott,
Kurze Stille ( evtl. Entzünden einer Kerze)

Gott, wir bitten dich: Stärke du uns darin, den Mund aufzumachen gegen Antisemitismus, Menschen-verachtung  und Gewalt. Gib uns die Kraft, für eine tolerante Gesellschaft einzutreten. (k)
Kurze Stille ( evtl. Entzünden einer Kerze)

Vaterunser


Lied zum Ausgang:  Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn  - EG. E 30 / EG Wü 658,1-4

oder ein anderes Lied


[ Abkündigungen ] -  Aufruf

Wir können heute die Ereignisse von damals nicht ungeschehen machen. Aber wir können uns einge-stehen, dass wir nicht frei sind angesichts der Verstrickungen, in denen wir uns befinden. Doch wir stehen unter der Zusage unseres Herrn, Jesus Christus:  „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch freimachen“. 
Lasst uns in dieser Zuversicht aus dem Gedenken eine Wachsamkeit für heute gewinnen.
– Wachsamkeit gegenüber den Nachfahren der Opfer.
– Wachsamkeit gegenüber Menschenrechtsverletzungen, die sich in unserem Ort, in unserer Stadt innerhalb unseres Blickfelds ereignen.
– Wachsamkeit gegenüber einem Wiederaufleben der alten nationalistischen Muster in neuem Gewand!
– Wachsamkeit gegenüber der Diskriminierung anders denkender oder anders gläubiger Menschen.  Lasst uns als Zeichen unserer entschlossenen Wachsamkeit einander die Hand reichen und den Frieden zusprechen! (In der Gemeinde wendet man sich einander zu mit einem Zeichen des Friedens) (l)

Friedensbitte: Verleih uns Frieden gnädiglich - EG 421 


Segenswunsch

Der Herr segne uns mit allem Guten und bewahre uns vor allem Bösen. Er erleuchte  unsere Herzen mit der Einsicht, die zum Leben führt. Und er begnade uns mit ewiger Erkenntnis und erhebe sein huldvolles Angesicht für uns zum ewigen Frieden. (m)


Nachspiel oder Stille


Gestaltung einer Buß-Vesper mit dem Evangelischen Tagzeitenbuch


Ps 74  Erhebe dich, o Gott TZB 351

Ps 79 Hilf uns, du Gott unsres Heiles. Vergib uns ... TZB 355

Ps 102 A HERR , höre auf mein Beten TZB 353

Resp AT HERR weise mir deinen Weg TZB 220.2

Resp Ep Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz TZB 519

Resp Ev Wir haben gegen dich gesündigt   TZB 521

Statt Hymnus und Magnificat:

Ps 51  An dir allein habe ich gesündigt TZB 900

Kyrie-Tropos   Kyrie, Vater allerhöchster Gott TZB 901

 

Zur Gestaltung einer Abendmahlsfeier nach Oberdeutscher Form


Bußgebet

Barmherziger Gott. Es ist in unserem Volk und durch Menschen aus unserem Volk geschehen: Die Gotteshäuser der Juden gingen in Flammen auf, Mitbürger in Angst und Schrecken versetzt; Menschen in Verzweiflung und Tod getrieben. Auch Christen aller Kirchen sahen zu, nur wenige taten etwas. Gutes wurde unterlassen und Böses getan. Zu dir, Gott, rufen wir:

G:  Herr, erbarme dich.

Barmherziger Gott, in deiner Hand sind alle, die durch Schuld der Menschen haben sterben müssen. Die wir nicht kennen, du kennst sie. Ihrer gedenken wir in dieser Stunde, der unschuldigen Opfer von Rassenwahn und Unmenschlichkeit. - Stille - Zu dir, Gott, rufen wir:

G:  Herr, erbarme dich.

Barmherziger Gott, wo keine Entschuldigungen oder gar Ausreden verfangen, wo wir ratlos sind und die abgründigen Tiefen des Menschen erkennen, da rufen wir aus der Tiefe unserer Not zu dir. Von deiner Gnade und unverdienten Barmherzigkeit erhoffen wir neuen Beginn mit all denen, die durch unser Volk gelitten haben. Zu dir, Gott, rufen wir: (n)

G:  Herr, erbarme dich.

Zuspruch der Vergebung
Die Barmherzigkeit des HERRN hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und seine Treue ist groß. Klgl 3,23 Der allmächtige Gott hat sich uns zugewandt in Jesus Christus, durch den die Macht von Sünde und Tod überwunden ist. Aus seiner Vergebung können wir leben. Um seinetwillen dürfen wir des Erbarmens Gottes gewiss sein. In seinem Auftrag und berufen zu diesem Dienst verkündige ich euch diese Vergebung eurer Sünde im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Gei-stes. G: Amen.


Lied:
Und suchst du meine Sünde - EG 237,1-3

Abendmahlsgebet

Wir preisen dich, Herr: Was du, allmächtiger Gott, geschaffen hast, überlässt du nicht der Sünde und dem Tod. Du hast Noah Gnade finden lassen und Abraham Nachkommen verheißen, durch Mose hast du den Bund mit deinem Volk Israel aufgerichtet und durch die Propheten hast du dein Volk gerufen, diesen Bund zu bewahren. Durch Jesus Christus rufst du uns alle zum Leben; er hat die Schuld der Menschen auf sich genommen; in ihm hast du die Welt versöhnt.

Einsetzungsworte

Sooft wir von diesem Brot essen und von diesem Kelch trinken erfahren und bezeugen wir das Ge-heimnis des Glaubens:

G:  Deinen Tod, o Herr, verkünden wir … [EG 189]

Darum danken wir dir, Vater im Himmel, für das Leben deines Sohnes, für sein Leiden, für seinen Opfertod am Kreuz. Wir preisen seine Auferstehung, deinen Sieg über Unheil und Tod. Gib uns deinen Heiligen Geist, den Geist der Gnade und der Erkenntnis deines Willens. Heilige und erneuere durch ihn unser Leben. Segne diese Gaben zum  Brot des Lebens und zum Kelch des Heils. Vereinige uns im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung bis wir mit Israel und allen Menschen deines Wohlgefallens dein Freudenmahl feiern in der kommenden Welt. (o)


Dankgebet
 

Ewiger Gott, ach all dem Leid, das den Glieder deines erwählten Volke zugefügt worden ist, lässt du uns im Mahl deines Sohnes erfahren, dass deine Gnade und Treue Christen und Juden verbindet. Er-halte uns dein Erbarmen und die Hoffnung auf dein Reich, in dem alle deine Kinder dich loben werden in Ewigkeit. (p)


Anhang


Aus der Gemeinsamen Erklärung zum 70. Jahrestag der November-Pogrome
durch die Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Deutschen Bischofskonferenz vom 7.11.2008:

Der 9. November 1938 steht „für Hass und Gewalt, für Niedertracht und das Erblinden des Gewissens. Er war ein Widerruf jener Freiheitsversprechen, mit denen die erste deutsche Republik einst angetreten war, und bedeutete für die deutschen Juden, dass sie keine sichere Heimstatt im eigenen Lande mehr besaßen. In den November-Pogromen von 1938 wurden wehrlose Menschen gedemütigt, gepeinigt und ermordet, Gotteshäuser geschändet und zerstört. Die schrecklichen Bilder von brennenden Synagogen haben sich in unser Gedächtnis gebrannt. Sie lehren auch heute: Wo es keinen Respekt vor dem Heili-gen und dem für den menschlichen Zugriff Unverfügbaren gibt, dort gibt es auch keinen Respekt vor den Menschen.

Die Pogrome waren nicht nur bewusst geplant, sondern ihnen gingen auch Jahre der propagandistischen und politischen Vorbereitung voraus – eine Zeit der offenen antisemitischen Hetze, der syste-matischen rechtlichen Ausgrenzung, menschenverachtenden Diskriminierung und Verfolgung. Die November-Pogrome waren zugleich der Auftakt zum Holocaust, zu einer Epoche ungeahnter Zerstö-rung und Vernichtung, an deren Folgen Europa, die Welt und vor allem die jüdische Gemeinschaft noch heute zu tragen haben. Unzählige Menschen sind Opfer des Nationalsozialismus geworden. Anlässlich der Pogrome des Jahres 1938 richtet sich unser Gedenken besonders auf die Juden, deren systematische Verfolgung und Ermordung ein beispielloses Menschheitsverbrechen darstellen. Ihr Leiden, ihre Ein-samkeit und ihre Verzweiflung angesichts einer Gewaltmaschinerie, die mit Demütigung und Entrech-tung begann und mehr und mehr von absolutem Vernichtungswillen angetrieben wurde, erfüllen uns mit Bestürzung und Trauer. ..

Unsere Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938 würde ins Leere laufen,  wenn wir sie nicht mit der Frage nach der praktischen Solidarität verbänden, die wir den in unserer Zeit zu Unrecht Verfolgten und den Opfern von Gewalt schulden. Leider sind Antisemitismus und Rassismus auch heute nicht überwunden. Auch in Europa prägen Ausgrenzung und Diskriminierung den Alltag vieler Menschen. Die Sünde der Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der Anderen stirbt nicht aus. Allzu schnell legt sich der Schleier der Abgrenzung über unsere Augen und versperrt die Sicht auf das Antlitz des Näch-sten. Jedem Menschen, gleich welcher Hautfarbe, Volkszugehörigkeit oder Religion, ist das Bild Gottes eingeprägt. Keiner darf preisgegeben werden. Davon in Wort und Tat Zeugnis abzulegen, sind wir als Christen in besonderer Weise gefordert. Die Erinnerung an die Schreckensnacht und ihre Folgen ist gerade auch heute, da die Zeitzeugen allmählich verstummen, von großer Bedeutung. Mahnt sie uns doch, alles zu tun, um eine Gesellschaft in Freiheit und gegenseitiger Achtung zu gestalten, die sich ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen stellt. (q)

*

Aus dem Perikopenbuch zur neuen Ordnung gottesdienstlicher Texte und Lieder (2018)

Auch heute laden wir durch eigene Untätigkeit wider besseres Wissen Schuld auf uns; wenn wir uns nicht für andere einsetzen, weil wir negative Konsequenzen für unser Leben fürchten, oder wenn uns das Schicksal anderer Menschen gleichgültig lässt. Die Texte und Lieder des Tages [zum Gedenken an die Novemberpogrome 1938] beschönigen nichts, stellen uns aber in tröstlicher Weise Menschen wie Petrus an die Seite, den Jesus trotz seiner Schuld nicht verstößt (Joh 21,15.19)

Der Gedenktag erinnert an die Verbrechen in der Nacht vom 9. Auf den 10. November 1938, als zahl-reiche Synagogen und andere jüdische Einrichtungen in Brand gesteckt wurden. Tausende Jüdinnen und Juden wurden misshandelt, verhaftet oder getötet. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges sind geschätzt sechs Millionen Menschen der staatlich verordneten Judenvernichtung unter der nationalsozialistischen Herrschaft zum Opfer gefallen.

Der 9.11. gilt als ‚Schicksalstag’ der deutschen Geschichte. Er markiert neben dem Terror gegen die jüdische Bevölkerung (1938) auch den Beginn der ersten deutschen Republik (1918) und dem Fall der Berliner Mauer (1939). In Parlamenten werden Reden gehalten, an Gedenkstätten Kränze niedergelegt, in jüdischen Gemeinden die Namen von Opfern verlesen. Der Tag ist damit sowohl ein Aufruf, das Geschenk von Demokratie und Freiheit zu würdigen, als auch eine bleibende Mahnung, von Anfang an entschieden und unzweideutig Farbe zu bekennen, wenn in unserer Gesellschaft oder in anderen Län-dern Menschen benachteiligt, missachtet oder bedroht werden. (r)


Quellen und Vorlagen


Soweit nicht anders angegeben sind Bibelverse wörtlich zitiert aus: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung – revidiert 2017, © 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 

[ ] In Klammern gesetzte Stücke können entfallen

Der Betrachtung liegt die Perikope der aktuellen Predigtreihe zugrunde. Eine vorangehende Schriftlesung (mit Antwortgesang) und das Tagesgebet kann aus den übrigen Texten gewählt werden.

a vgl. Ergänzungsband zum Württembergischen Gottesdienstbuch, Stuttgart 2004, S. 138 -

Reformierte Liturgie, Wuppertal 1999, S. 153 (S. Bukowski)

b vgl. Aktion Sühnezeichen – Friedensdekade 2018, S. 26

c RB. nach verschiedenen Vorlagen

d vgl.  Ergänzungsband zum Württembergischen Gottesdienstbuch, Stuttgart 2004, S. 137 -

Reformierte Liturgie, Wuppertal 1999, S. 152 (S. Bukowski)

e vgl. Evangelisches Gottesdienstbuch (UE/VELKD), Bielefeld, Leipzig 2020, S. 558

f vgl. Aktion Sühnezeichen – Friedensdekade 2018, S. 27

g hier könnten Texte wie im Entwurf „Erinnerung und Verantwortung“ im Entwurf der ACK Baden-Württemberg zum 9. November 2018  oder Berichte über regionale oder örtliche Ereignisse vom November 1938 einbezogen werden

https://ackbw.de/html/content/gedenken_novemberprogrome.html?t=n5rpe7u918a0r481s63t3v22t6&tto=b83b0248&&

z.B. aus der Gemeinsamen Erklärung von EKD und Bischofskonferenz (2008) (s. Anhang)

z.B. Texte aus dem Heft „Erinnerung und Umkehr“ der ACK Baden-Württemberg von 2018

h vgl. Entwurf „Erinnerung und Verantwortung“ ACK Baden-Württemberg 2018 (s.o.)

i vgl.  Erinnern für die Zukunft – Ök. Gottesdienst 9.11.1998 (ACK ) Stuttgart. S. 9f 

l vgl. Entwurf „Erinnerung und Verantwortung“ ACK Baden-Württemberg 2018 (s.o.)

m vgl. Hessische Agende, Darmstadt 2001, S. 390 (nach Klaus Berger, Psalmen aus Qumran, 

Stuttgart 1994, S. 19)

n vgl. Ergänzungsband zum Württembergischen Gottesdienstbuch, Stuttgart 2004, S. 137

o vgl. Württembergisches Gottesdienstbuch I, Stuttgart 2004, S. 374

p vgl. Evangelisches Gottesdienstbuch , Berlin 2000, S. 451

q vgl. https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20081107_OTS0111/mit-bestuerzung-und-trauer- gemeinsame-erklaerung-zum-70-jahrestag-der-november-pogrome

r vgl. Liturgische Konferenz für die Evangelische Kirche in Deutschland (Hg), Perikopenbuch zur Ordnung gottesdienstlicher Texte und Lieder (2018), Bielefeld / Leipzig 2018, nach S. 662